Im Rollstuhl in die neue Welt
Zurück in Neuruppin: Nadja Göbke verbrachte elf Monate in den USA

- Foto: Henry Mundt
Tausend Geschichten: Die 18-jährige Gymnasiastin Nadja Göbke verbrachte elf Monate in den USA. Mitgebracht hat sie viele Erlebnisse und Erkenntnisse, von denen sie freudestrahlend erzählt - wenn erwünscht, auch im typisch amerikanischen Slang.
NEURUPPIN/STAFFORD Es liest sich fast wie ein Märchen: “Ich würde sooo gerne mal nach Amerika fahren”, wünschte sich Nadja Göbke vor sechs Jahren augenstrahlend von ihren Eltern. Kein außergewöhnlicher Wunsch, den Nadja , Tochter des Stadtkämmerers Willi Göbke, hegte. Aber für sie schien dies unmöglich. Seit ihrem zehnten Lebensjahr ist Nadja fest an den Rollstuhl gefesselt: Sie kam mit einem offenen Rücken zur Welt. Doch aus dem Kindheitstraum ist ein JahresaufenthaIt in Stafford geworden, von dem die 18-jährige Gymnasiastin Anfang Juli zurückkehrte.
Mittlerweile ist aus dem Mädchen eine junge Dame geworden, die schwatzt, sich schminkt und den Jungs hinterher guckt - nur eben eine Sache hebt sie von ihren anderen Klassenkameradinnen ab: der Rollstuhl.
“Die Entscheidung, nach Amerika zu gehen, war nicht einfach, aber ich bereue nichts.”, sagt Nadja denkt gern an ihre amerikanischen Freunde zurück. In Neuruppin wird sie nun am Schinkelgymnasium in den kommenden drei Jahren das Abitur absolvieren. Die vielen Lehrerwechsel störten sie am Evangelischen Gymnasium. Ein bisschen wehmütig denkt die Weitgereiste an ihre alte Klasse zurück.
In der Gruppe von über 300 Jugendlichen aus der ganzen Welt wurde sie freundlich aufgenommen. Anfang August 2002 trafen die Weltenbummler aufeinander und verbrachten während des Jahres auch Kurzreisen miteinander.
Bärbel Göbke, Nadjas Mutter, denkt mit Bauchschmerzen an die Abreise zurück. “Als sie dann in den Flieger stieg, wussten wir, dass wir nichts mehr machen können.” Doch trotz des Risikos, dass die Versicherung im Falle einer Krankheit aufgrund Nadjas Behinderung, nicht die Kosten übernehmen würde, wagte Familie Göbke diesen Schritt. Von der Gastfamilie, deren Sohn genau dasselbe Krankheitsbild hat wie Nadja, wurde sie herzlichst empfangen. Genau das war es auch, warum sie sich weder zu schämen noch Angst zu haben brauchte.
Nicht nur von Familie und Schule schwärmt Nadja; als Rollstuhlfahrerin ist sie auch auf eine behindertenfreundliche Umgebung angewiesen: “In Sachen behindertengerechter Gebäude hängt Deutschland weit hinterher”, weiß sie jetzt. Sie konnte dorthin, wo sie wollte, und falls doch irgendwo ein Hindernis im Weg war, gab es Menschen, die ihr freundlich halfen.
Wahrend Nadja schnell Freunde fand, im Chor sang und sogar wöchentlich zum Basketballtraining für Rollstuhlfahrer fuhr, warteten die Eltern jeden Freitagabend auf das Klingelzeichen. “Wenn unsere Tochter aus der Schule kam, haben wir immer über eine Stunde telefoniert, so wussten wir alles, was Nadja erlebt hat.” Jede Erkältung, jede Reise konnten die Eltern so nachvollziehen.
Von den vielen Vorurteilen gegenüber Amerika, die auch Nadja mit nach Stafford nahm, konnte sie sich ein bisschen befreien. “Du siehst, wie es wirklich ist und warum es so ist”, sagt sie nüchtern. Nur die Gewalt hat auch bei ihr einen Schauer im Nacken hinterlassen. Fünf Minuten, bevor eine Frau in Washington von dem durch die Medien bekannten Amokläufer erschossen wurde, fuhr sie dort scherzend mit Freunden über den Platz.

- Foto: privat
Wer Nadja Göbke vorher kannte und sie heute auf der Straße trifft, ist verblüfft über ihre Veränderung. War sie vor einem Jahr noch eher still und in sich gekehrt, erzählt sie heute viel, lacht und ist immer mittendrin im Geschehen. Sogar regelmäßig Basketball spielen will sie nun: Das Training in der Rollstuhlfahrermannschaft hat sie so begeistert, dass sie versucht, bei Alba Berlin in der Behindertengruppe mitzuspielen.
Sie hat es nicht bereut und die Eltern sind glücklich, dass das Jahr so reibungslos verlief: “Von den wenigen Träumen, die sich Nadja erfüllen kann, ist einer in Erfüllung gegangen.”
Beim Basketballtraining lernte Nadja Sofija aus Rumänien kennen. Die Spielpartner wurden zu besten Freundinnen.
© Artikel von Juliane Fleisch