“Alles bleibt anders” - mal anders - Seminarreihe zur aktiven Erweiterung der Lebenskompetenz für junge Erwachsene mit Spina bifida und Hydrocephalus

Improvisation = Handlung oder Vortrag unvorbereitet aus einem augenblicklichen Einfall heraus

Auch bei unserem Seminar am 01. April 2006 im Rahmen des Improvisationstheaterprojektes haben wir unsere Fähigkeiten im Umgang mit dieser Technik anhand einer weiteren Übung getestet.

Es begann ganz harmlos nämlich mit der Frage: Was würdet Ihr jetzt gerne tun?

Alles, was uns dazu einfiel, sollten wir jeweils einzeln auf Präsentationskarten schreiben und durften uns dazu auch verständigen. Anna zog sich derweil zurück

Nach circa 15 Minuten hatten wir eine kleine Anzahl persönlicher “Momentswünsche” gesammelt und harrten nun der Dinge, die da kommen sollten.

Die vereinigte Wunschliste beinhaltete inzwischen so unterschiedliche Dinge wie an der Ostsee sitzen, ins Konzert gehen, Dart oder Billard spielen, Einkaufsbummel, Sex usw.

Dann folgte der zweite Teil der Aufgabe, der uns von da an ziemlich hartnäckig beschäftigen sollte: Macht daraus eine Geschichte und spielt die.

Eine Geschichte war schnell konstruiert. Dazu brachten wir die verschiedenen Ereignisse in eine vorstellbare Reihenfolge. Und dann wurde es schwierig!

Nicht nur auf der Theaterbühne, sondern auch auf der großen Bühne Leben kann Improvisation zum Einsatz kommen: Wir sollen einen Vortrag halten und haben das Manuskript vergessen; wir haben Freunde zum Essen eingeladen und kamen nicht mehr zum Einkaufen; wir wollen pünktlich sein, doch der Bus hat Verspätung

Immer, wenn wir eine Situation nicht planen können, weil sie uns unvorbereitet trifft, kann es uns mit Hilfe der Improvisation dennoch gelingen, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und das Gesicht zu wahren.

Wichtig ist dabei, den Kopf gerade hier nicht zu verlieren, nicht in Versagensängste abzurutschen, präsent zu bleiben und kreativ nach einer Lösung zu suchen.

Nur dann kann uns einfallen, dass wir entweder einen ganz anderen Vortrag halten als geplant oder unsere Erinnerungslücken humorvoll kommentieren; dass wir bei entsprechendem Geschick eben aus dem was kochen, was da ist, oder spontan das Eröffnungsangebot vom Italiener um die Ecke testen; dass wir den Bus verlassen und ein Taxi nehmen oder unsere eintretende Verspätung den Wartenden beim Eintreffen überzeugend als zwar bedauerlich aber unabwendbar zu schildern.

Das Entscheidende ist immer, dass wir aktiv bleiben und nicht versuchen, vor der Situation wegzulaufen. Es wird erst peinlich, wenn wir weinend das Podium verlassen, die Freunde ausladen und statt nur unpünktlich einfach gar nicht mehr kommen.

Es ist also von Bedeutung, wie schnell wir unsere Fassung wieder finden und unter dem Sturm auflodernder Gefühle den Kopf einschalten und zum Denken bringen können.

Doch jeder kennt die schon sprichwörtliche Beschreibung “lhmende Angst” genau die wird uns hier schnell zum Problem.

Deshalb kommt es darauf an, sich möglichst schnell einen bewussten Überblick über die eingetretene Situation zu verschaffen, um handlungsfähig zu bleiben. Dadurch wird es möglich, unvorbereitet aus einem augenblicklichen Einfall heraus zu handeln.

Doch wir steckten erstmal sehr lange fest. Wir nderten immer wieder unsere Geschichte, verteilten Rollen und verwarfen sie wieder und erfanden wieder eine neue Geschichte. Die Unzufriedenheit wuchs und damit die Anspannung. Wir waren verzweifelt, genervt, wütend und wieder verzweifelt.

Mancher liebugelte mit Flucht aber alle blieben. Nach jeder kleinen gestohlenen Zigarettenpause setzten wir uns wieder um unseren Konferenztisch herum und grübelten weiter. Der Druck stieg weiter und wurde immer unerträglicher.

Dann kam Anna und verschärfte die Situation noch einmal erheblich: sie setzte uns ein Zeitlimit. Noch 15 Minuten dann Vorführung. Nun hatten wirklich die ersten, bildlich gesprochen, ihren Hut schon unterm Arm. Wir schienen rettungslos verloren und waren meilenweit von einem Lösungsansatz entfernt (obwohl dieser ja schon immer im Problem steckt).

Endlich hatte Anna (und leider nicht wir) den rettenden Einfall: Sie scheuchte uns hinter unserem Tisch hervor in den freien Raum. Und plötzlich kam Bewegung in die Sache. Durch die Bewegung kam Dynamik in unsere Krper und damit auch in unseren Geist.

Die Fantasie sprühte und schon hatten wir eine Idee (die obendrein sogar noch einen wichtigen Arbeitsgrundsatz von Anna eindrucksvoll belegte: vereinfachen vereinfachen vereinfachen).

Denn nun grübelten wir nicht mehr ber die professionelle Umsetzung eines perfekt ausgearbeiteten Theaterstückes sondern wir improvisierten aus dem Bauch heraus: und hatten damit die Aufgabe erfüllt.

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